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Area4 2009 – Ein Festivalbericht in vier Teilen – vierter und letzter Teil (Eintrag XIV)

Posted in Livemusik, Musik with tags , , , , , , , , , , on 29. August 2009 by Shumway

Ladies und gentle people, welcome to the last part. Ich hätte es selber kaum gedacht, dass ich es schaffe, für alle Tage eine so ausführliche Rekapitulation zusammen zu bekommen aber es ist vollbracht, nunja… es ist fast vollbracht.

Here we go: Der Sonntag

07:00 Uhr Weckkommando Dixieleerung. Nach dem etwas längerem Samstagprogramm entschließen wir uns aber diesmal noch ein wenig im Zelt liegen zu bleiben, so dass wir uns erst gegen 09:00 Uhr aus demselbigen schälen. Die anderen sind anscheinend an diesem Morgen auch nicht viel motivierter. Nach kurzer Zeit sitzen wir aber alle wieder beim Frühstück um den Campingtisch unter dem Pavillon. Die letzten Reste des mitgebracheten Pakets Kaffee werden durch den Filter gejagt und die Lebensgeister kehren mehr oder weniger schnell zurück in unsere Glieder. Das Frühstück wird zum Restessen und ordentlich bis weit in die Mittagsstunden ausgedehnt.

12:00 – 12:30  Bombay Bicycle Club (noch nie live gesehn)

Zu dem Zeitpunkt ist es so gemütlich, dass keiner einen Gedanken daran verschwendet, zu dieser unchristlichen Uhrzeit seinen gemütlichen Platz am Zelt gegen einen Platz vor der Bühne zu einzutauschen. Die Nachbarn gegenüber lassen wie immer ihren lustigen Musikmix laufen und mittlerweile bauen sich selbst bei den tolerantesten unter uns Aggressionen gegen jeden einzelnen gespielten Song auf (Vor allem den am Freitag noch für witzig befundenden Rülps-Biene-Maja-song kann keiner mehr hören).

12:50 – 13:20  Baddies (noch nie live gesehn)

Auch hier bleiben wie stur sitzen und genießen das faule Campingleben. Die immer noch laufende Spaß-CD der Nachbarn führt dazu, dass wir uns entschließen, das sonst an den Tag gelegte hohe sprachliche Niveau gegen ein wahrhaft unflätiges Vokabular auszutauschen. Für Außenstehende mag das befremdlich klingen aber wir erfreuen uns daran keinen einzigen Satz ohne das Adjektiv ‚verfickt‘ oder den Zusatz ‚Scheiße‘ auszusprechen.

13:45 – 14:25  Alberta Cross (noch nie live gesehn)

Im Vorfeld habe ich einige Sachen von ihnen gehört aber keinen rechten Gefallen an den ruhigen aber in meinen Augen eher belanglos dahinplätschernden Songs gefunden. Immer noch frühstückend bzw. mittlerweile bereits beim Aufwärmen von einigen Ravioligerichten, beginnen wir bereits, die ersten Sachen zusammenzupacken. Wir sind uns einig, dass wir alle bereits am heutigen Sonntag den Rückzug antreten werden, da uns die Aussicht auf einem fast leeren Zeltplatz umringt von Müll und eventuell noch rumlungernden Chaoten nicht besonders erfreulich erscheint.

14:55 – 15:40  Panteon Rococo (noch nie live gesehn)

Eigentlich habe ich im Vorfeld gedacht, dass Panteon Rococo eine schöne Sommerband sei, die sich ideal eignet, den Sonntag musikalisch einzuläuten. Aber in Anbetracht des noch zu packenden und schleppenden Kram aus und vor den Zelten, siegt die Faulheit. Vielleicht im Nachhinein die einzige Entscheidung, die ich eventuell in gleicher Situation anders treffen würde. In dem Moment bereue ich es allerdings nicht, noch ein wenig faul in der Sonne rumzuliegen und den anderen bei ihrem ersten Gang mit Klamotten Richtung Parkplatz zuzusehen (Die schon im letzten Jahr von uns mitgebrachte Minisackkarre aus großmütterlichem Besitztum erweist sich wieder als ‚der Burner‘).

16:10 – 16:55  Life of Agony (Herbst 1996 | Support: Stuck Mojo)

Wieder eine Band, auf die sich alle einigen können und so bricht man bei sengender Hitze und ohne Aussicht auf einen Schattenplatz zum Konzertgelände auf. Im Gegensatz zu einigen anderen aus der Gruppe, bin ich hinsichtlich Life Of Agony eher skeptisch. Das Debutalbum ‚River Runs Red‘ gehört in meine ewige Bestenliste und auch das Nachfolgealbum ‚Ugly‘ ist ein sehr geniales Machwerk härterer Musik. Die spätere Schaffensphase mit deutlich ruhigeren Tönen vor ihrer Auflösung verwirrt und verstört mich eher. Auch dem Soloprojekt des Frontmanns Keith Caputo kann ich nicht viel abgewinnen, auch wenn hier seine charismatische Stimme sehr gut zur Geltung kommt.

Da wir alle noch in gemütlicher Stimmung sind, beschließen wir, das Konzert von weitem aus zu beobachten. Die ersten sehr lauten Gitarrenbreitseiten beim Soundcheck klingen vielversprechend. Kurz bevor die Band auf die Bühne kommt, hört man die bekannten Zwischenstücke ihres grandiosen Debutalbums und es keimt Hoffnung auf, dass sie sich hauptsächlich auf ihre alten Songs beschränken. Dann geht es los und schon zu Beginn des Livesets wird klar, dass der Sound sehr matschig und undefiniert aus den Boxen tropft und nicht im entferntesten mit dem Soundcheck mithalten kann. Sie beginnen den Auftritt mit drei Klassikern ihres ersten Longplayers aber Caputo scheint sehr desinteressiert, was seine Gesangspart angeht, interpretiert die Songs recht freimütig, so dass man noch nicht einmal mitsingen kann. Auch für den Rest des kurzen Gigs wirkt das alles eher schlecht oder bestenfalls noch bemüht (Wie haben Kinderzimmer Production es einmal in einer Zeile treffend festgehalten? „Das Gegenteil von gut ist gut gemeint“). Lediglich ‚Lost at 22‘ kann halbwegs an die Qualität der Studioversion heranreichen. Wir verbringen den Gig damit zumindest die guten Songs abzufeiern und ignorieren dabei den grottigen Sound und die noch schlechtere Darbietung des Frontmanns.

Fazit: Obwohl es das letzte Konzert einer langen Tour gewesen ist und man nur einen Nachmittagsslot mit weniger als einer Stunde Spielzeit zugeteilt bekommen hat, ist es eine Frechheit, den Zuschauern so vor den Kopf zu stoßen. Ich bin froh, sie 1996 live gesehen zu haben, als ihr Konzert genial, schweißtreibend, laut und heftig gewesen ist.

Ein wenig enttäuscht treten wir den Rückweg zum Zeltplatz an.

17:25 – 18:15  Anti-Flag (gehört aber nicht gesehen auf der Rheinkultur 2008)

Obwohl ich Punk und Hardcore eine Menge abgewinnen kann, ist Anti-Flag eine dieser Bands, die fast immer außerhalb meines Radars abgelaufen sind. Bis auf einige Songs treffen sie gar nicht meinen Geschmack und somit fällt die Entscheidung, zu diesem Zeitpunkt die Zelte abzubrechenbauen und alles in die Autos zu verladen recht leicht und erscheint vernünftig. Da man sich nicht einig ist, ob man Kettcar ganz oder nur ein bischen sehen will, lassen wir uns viel Zeit und verfallen nicht in Hektik, als es darum geht, die letzten Reste zu Richtung Parkplatz zu bringen und sich vor dem Abendprogramm noch einmal etwas zu essen zu machen (Ravioli schmecken auch kalt) und sich für die kühleren Temperaturen des Abends zu rüsten.

Bei der Gelegenheit kann man dann auch wie im Vorjahr den sogenannten Müllpand einlösen (der richtige Terminus wäre Müllkaution zurückerstatten lassen). Im Prinzip eine sehr vernünftige Sache, dass die Leute beim Kauf des Tickets fünf Euro mehr zahlen, die sie dann bei Abgabe ihres Mülls am letzten Tag zurückerhalten. Leider hapert es bei der Durchführung daran, dass es im Prinzip scheißegal ist, wie man seinen Zeltplatz hinterlässt. Auch wird nicht besonders viel wert darauf gelegt, dass die Leute, die den Chip gegen Cash einlösen, auch tatsächlich einen (vollen) Müllbeutel abgeben. Wie dem auch sei, die Container sind randvoll, obwohl ein Blick über den langsam lichter werdenden Zeltplatz mehr Müll als freie Rasenstücke offenbart.

18:45 – 19:45  Kettcar (Visions Westend, Juli 2003)

Ich bin ein Fan der leider nicht mehr existierenden großartigen Band ‚But Alive …‘. Der damalige Sänger, Markus Wiebusch, ist nun Frontmann von Kettcar, somit haben sie schon einige Pluspunkte auf ihrem Konto. Leider ist mir die Musik oftmals zu ruhig. Was auf Platte noch gut funktioniert, wenn man sich mal eine Auszeit gönnen möchte, trifft als Livedarbietung nicht meinen Geschmack. Daher macht es mir auch nichts aus, dass wir neun erst zu den letzten Songs von Kettcar auf dem Konzertgelände ankommen. Immerhin ist zu dem Zeitpunkt schon unser kompletter Kram in den Autos verstaut.

Nachdem einige von uns noch ein paar der überteuerten Futterangebote (gebratene Nudeln für sechs Euro) wahrnehmen, liegen wir noch faul im Gras, lauschen den abschließenden von Kettcar vorgetragenen Songs und warten auf die letzten beiden Bands des heutigen Tages. Wir finden noch einen netten jungen Festivalbesucher, der ein Gruppenbild von uns neun mit dem Handy und einigen von uns mitgebrachten Einwegkameras macht, so dass dieser Moment für die Nachwelt oder zumindest für unsere Gruppe festgehalten werden kann.

20:15 – 21:30  Farin Urlaub Racing Team (noch nie live gesehn)

Nachdem ich bereits zweimal auf einem Festival das Vergnügen einer Ärzte-Live-Performance gehabt habe, bin ich sehr gespannt, wie Farin Urlaub und sein Racing Team die teils nachdenklichen und teils rockigen Songs umsetzen werden und vor allem, ob er als Solist (begleitet von 10 Musikern) auch seine Späßchen mit dem Publikum macht oder ob dies eher ein Markenzeichen der Ärzte bleibt. Das Konzertgelände ist so voll wie noch nie an diesem Wochenende. Bis zum Eingang sieht man überall Menschenmassen das Gelände bevölkern. Dennoch ist da, wo wir stehen, noch genug Platz zum Hüpfen und tanzen, der auch ausgiebig genutzt wird.

Leider habe ich nicht die genaue Songabfolge vom Konzert vorliegen aber es werden alle Alben berücksichtigt, wobei das gefühlte Hauptaugenmerk auf dem neuesten Output liegt. Auch Farin und das Racing Team haben eine lange Tour hinter sich und beenden ihre Konzertreise mit diesem Auftritt. Im Gegensatz zu den zu diesem Zeitpunt vergessenen Life Of Agony, geben sie aber noch einmal ordentlich Gas. Mit sichbarer Spielfreude präsentieren sie einen Hit nach dem anderen. Auch in der untergehenden Sonne wirken die Songs rockig aber dank der Viermann-Bläsercombo immer funky und sommerlich. Zwischendrin wird textlich auch mal improvisiert und auch die spaßige Interaktion mit den Massen vor der Bühne bleibt nicht aus und wird von den Zuschauern dankbar angenommen. Wenn man sich umschaut, erblickt man überall zufriedene und strahlende Gesichter. Früher als gedacht spielen sie ‚Zehn‘. Spätestens hier rastet das Publikum richtig aus und nach dem ersten Refrain liegt dank zehntausender springender Menschen eine dichte Staubwolke über dem gesamten Gebiet und sowohl Musiker als auch Fans brauchen eine Atem- bzw. Hustenpause. Danach ist es zwar dunkel aber noch lange nicht Schluss. Munter folgen weitere Songs aus allen Soloalben.

Bei einer Ansage zum Ende hin, kündigt Farin den obligatorischen Schleimteil an, indem er uninspiriert mit einem Augenzwinkern auf englisch dem Publikum attestiert, dass es das beste und tollste der Welt sei. Diese Dankesrede  sorgt bei mir und einigen anderen unserer Gruppe für einen Lachanfall, weil sie (absichtlich oder nicht) so stark im Kontrast zu den anscheinend ernstgemeinten Tiraden von Campino am Freitag steht. Auch die Ankündigung, für die Zugaben nicht erst von der Bühne zu verschwinden, wird gefeiert. Als vorletzter Song kommt dann noch einmal ‚Zehn‘ wobei hier der Text der Strophen durch einfache Ausrufe ersetzt wird, die via Call-Response mit dem Publikum ausgetauscht werden.

Als allerletzten Song spielen sie trotz den Hinweisen, diesen Song nicht geprobt zu haben, die erste bekannte Singleauskopplung ‚Duschen‘. Nach über anderthalb Stunden Spielzeit legen sich langsam die Staubmassen und das Gute-Laune-Konzert ist beendet (Farin Urlaub Racing Team ist somit die einzige Band, der es gestattet wird, deutlich zu überziehen). Die Zuschauer strömen in Scharen dem Ausgang entgegen oder drängeln sich an die Getränkeständen, um dem Staub im Rachen Herr zu werden.

22:00 – 23:30  Faith No More (11. Bizarre Festival August ’97)

Faith No More! Das muss man sich zuerst einmal auf der Zunge zergehen lassen. Die ehemalige unangefochtene Speerspitze des experimentellen Funk-Metal-Rock, der Einfachheit halber kurz Crossover genannt, ist nach ihrer Auflösung Ende der neunziger Jahre wieder in Orginal-Lineup aus ihren glorreichen Zeiten auf Tour (Lediglich der aus alten Videos mit Wuschelkopf und Billigsonnenbrille als Markenzeichen bekannte Gitarrist Jim Martin, der ja bereits vorzeitig seinen Dienst quittieren musste, ist nicht mit an Bord). Trotz mehfacher guter Kritiken über die vorangegangenen Shows bin ich auch hier, ähnlich wie bei Life Of Agony, eher skeptisch, da mir das Konzert vom Bizarre ’97 noch sehr gut in Erinnerung ist und ich nicht weiß, ob sie die Messlatte von damals erreichen können.

Rund zehn Jahre nach etlichen internen Zwistigkeiten gehen sie wieder auf Tour. Im Gepäck lediglich die bekannten Songs ihrer alten Alben. Welche Laune wird Mike Patton haben? Der Frontmann, der dafür bekannt ist, dass er bei Liveauftritten gerne über die Stränge geschlagen hat und entweder völlig zugedröhnt die Songs dahergemurmelt oder wahlweise sich in Kreischorgien auf dem Boden gewälzt hat.

Während der Umbaupause stellen wir zwei Sachen zu unserer Verwunderung fest. Zum einen, dass der komplette Bühnenhintergrund mit einem an Samt oder Brokat erinnernden hellroten Vorhang verhangen wird und zum anderen, dass wirklich nur noch relativ wenige Leute auf dem Konzertgelände zugegen sind. Viele werden sich denken, dass sie bei der Abreise vor Ende des Festivals Zeit sparen (Was für einige nicht zutrifft, da man im Nachinein von über zwei Stunden Wartezeit auf dem Parkplatz nach dem Auftritt von Farin Urlaub erfährt), außerdem denke ich, dass vor allem den jüngeren Festivalbesuchern Faith No More kaum ein Begriff ist. So sind es vor allem die älteren Jahrgänge die sich freuen, als die Show losgeht.

Stilecht und mehr als passend beginnt das Konzert mit dem Cover des 70-er-Jahre-Klassikers ‚Reunited‘ von Peaches & Herb. Zu Beginn ist noch alles dunkel, dann trifft ein Lichtstrahl auf Patton, der passenderweise in einem roten Anzug gewandet am Bühnenrand steht und den Song beginnt, kurz danach ein weiterer Spotlight auf den Keyborder Roddy Bottum der den zweiten Part des Gesangs übernimmt. Nach und nach werden die Musiker, die alle herausgeputzt in Anzügen auf der Bühne stehen, in blaues Licht getaucht. Auch wenn man es dem Bassisten Bill Gould und Bottum ansieht, dass hier Herren älteren Semesters auf der Bühne zu Gange sind, wirken Patton und vor allem Drummer Mike „Puffy“ Bordin mit seinen immer noch ewig langen Dreadlocks so, als wären die letzten 10 Jahre spurlos an ihnen vorbeigegangen.

Danach beginnt das eigentliche Konzert mit dem Doppelpack ‚From Out Of Nowhere‘ und ‚Be Aggressive‘. Die Anlage schallt so laut wie bei keinem Act zuvor, dennoch ist der Sound brilliant, man hört jedes Instrument deutlich heraus, der  Gesang des Frontmanns ist klar. Er ersetzt zwar einige Gesangs- mit Schreiparts, dennoch sind alle Songs wiedererkennbar und eignen sich fantastisch zum Mitsingen oder Mitgröhlen. Ich bin wie elektrisiert, werde von Endorphinen überschwemmt und tanze, hüpfe und bange extatisch zu jedem einzelnen der so vertrauten Songs. Auch die anderen acht Leute unserer Gruppe scheinen restlos begeistert und selbst die ansonsten eher zurückhaltenden, gehen aus sich heraus und genießen die geile Show.
Spätestens jetzt treten weitere Hundertschaften aus dem Publikum verstört und enttäuscht den Rückzug zum Zeltplatz an. Anscheinend haben diese Leute erwartet, dass alle Songs von Faith No More im Stile Ihres Lionel Richie Covers ‚Easy‘ eher ruhig und poppig klingen. Denkste!

In der Mitte des Konzerts, welches bis dato ausschließlich aus Highlights der Alben drei-sechs (‚The Real Thing‘, ‚Angel Dust‘ dem unterschätzten ‚King For A Day, Fool For A Lifetime‘ und ‚Album Of The Year‘) besteht, kommt dann mit dem schon erwähnten und bekannten ‚Easy‘ die erste Verschnaufpause. Diesen Song hat man bereits sooft gehört, dennoch ist es ein leicht bewegendes Gefühl, als wir hier alle Arm in Arm stehen und – soweit es die arg malträtierten Stimmbänder noch zulassen – versuchen, die Beschallung der P.A. zu übertönen. Danach folgt mit ‚Midlife Crisis‘ einer der bekannteren Songs und wir machen unseren eigenen kleinen Moshpit auf. Kurz vor Einsetzen des dritten Refrains, als die versammelte Meute zum Hochspringen ansetzt, hört die Musik abrupt auf und Patton verbringt die nächsten fünf Minuten damit, das Publikum zum absoluten Stillsein zu überreden. Beim Closeup auf sein Gesicht und den irren Blick sieht er auf der Videoleinwand dabei aus, wie Jack Nicholson in seinen besten Momenten bei Shining. Die Musiker verharren derweil wie zur Salzsäure erstarrt in Ihrer Position, warten geduldig, bis Patton eine Reihe Schnarchgeräusche absolviert hat und seine Dankesrede für einen auf die Bühne geworfenes Ein-Eurostück beendet. Dann setzen sie den Song genau an der unterbrochenden Stelle fort und spielen ihn zu Ende, als wäre nichts gewesen. Danach folgen noch sechs weitere Kracher, bei denen uns die Musiker beweisen, dass sie nichts verlernt haben und der Frontmann eindrucksvoll mit Singen, Schreien, Kläffen und Kreischen beweist, dass er über die varibelsten Stimmbänder der Rockmusik verfügt.
Nach fast genau einer Stunde verabschieden sie sich (auch für Faith No More ist dieser Auftritt der letzte Ihrer Tour), die Bühne bleibt noch in rot erleuchtet und die plötzliche Stille irritiert alle ein wenig. Auch jetzt wandern wieder etliche Besucher Richtung Ausgang ab, während wir beschließen, uns bis zum Wellenbrecher nach vorne zu bewegen, wo mittlerweile schon fast beängstigende Leere herrscht.
Nach einigen Minuten kommen sie dann doch entgegen meiner Vermutung zurück, verteilen noch einiges an Lob für den Auftritt von Farin Urlaub und spielen dann eine geniale Coverversion von Chariots of Fire (Der Titeltrack aus dem Filmklassiker ‚Die Stunde des Siegers‘) die nach einer ewig langen Soundorgie in ihren eigenen Song ‚Stripsearch‘ übergeht. Danch beenden sie ihr Set mit dem einzigen Song aus ihrem Debutalbum, dem auch sehr zum gesamten Konzert passenden ‚We Care A Lot‘.
Dann verlassen sie entgültig die Bühne. Das Konzert, das Sonntagsprogramm und somit das Area4 2009 ist zu Ende.
Für mich ist dies der absolute Höhepunkt des gesamten Festivalwochenendes und noch völlig geflasht (an dieser Stelle sei mir der Anglizismus verziehen) begeben wir uns noch einmal an die Getränkestände, werden aber schon bald von den Ordnern aufgefordert, das Gelände zu räumen. Noch völlig duselig und mit den letzten Impressionen des über und über mit Müll zugepflasterten Zeltplatzes geht es zu den Autos. Man verabschiedet sich unter- und voneinander. Wir putzen noch einmal unsere Zähne, um den Staub zu entfernen, ziehen uns frische Klamotten an und treten ohne einen einzigen Ton aus dem Autoradio die Heimfahrt an (Hier sie noch erwähnt, dass wir im Gegensatz zu den Leuten, die nach Farin das Gelände verlassen wollten, keinen Stau beim Verlassen des Parkplatzes haben). Glücklich, geschafft, ruhig und noch den eigenen Gedanken nachhängend.

Gegen 02:00 Uhr in Köln hat uns die Zivilisation, genauer gesagt ein Burger King Restaurant, wieder. Hier merken wir erst, dass wir nicht nur sehr heiser sondern nach 4 Tagen Dauerbeschallung durch Musik, Zeltplatz und 20.000 Fetivalbesucher auch noch sehr schwerhörig sind. Zu Hause noch einmal Klamotten schleppen, heiß duschen, die Belssuren pflegen und dann mit dem Gedanken, dass sich diese vier Tage wahrlich gelohnt haben, ins Bett und in den Schlaf sinken.

PS: An dieser Stelle möchte ich den anderen Leuten aus unserer Truppe noch einmal herzlich dafür danken, dass sie nicht nur mit ihrem Geburtstagsgeschenk dazu beigetragen haben, dass ich dieses Jahr dabei gewesen bin, sondern auch, dass es ohne die entsprechenden Personen, kein so tolles Festival gewesen wäre.

ein den Festivalbericht damit beendender und sich nun erschöpft vom Schreiben erst einmal zum Musikhören zurückziehender Ausserirdischer

Area4 2009 – Ein Festivalbericht in vier Teilen – Teil 3 (Eintrag XIII)

Posted in Livemusik, Musik with tags , , , , , , , , , , , , , on 28. August 2009 by Shumway

Vorbemerkung:

Es ist ganz schön schwer, nur anhand der Erinnerungen ein solches Wochenende zu rekapitulieren. Vor allem da die ganzen Annektoten rund um den Zeltplatz nach einem gewissen Zeitabstand nicht mehr genau den einzelnen Tagen zuzuordnen sind. So kann es passieren, dass Ereignisse, die am Samstag stattgefunden haben, in den Bericht von Sonntag mit einfließen oder bereits im Freitagsbericht abgearbeitet sind. Anhand des Lineups kann man aber zumindest festmachen, welche Bands man wann gesehen hat und das ist ja schließlich das entscheidende Kriterium.

Here we go: Der Samstag

07:00 Uhr Weckkommando Dixieleerung. Um kurz nach sieben sind wir anfangs zu dritt in mehr oder weniger wachem Zustand aus den Zelten heraus und überlegen gerade, den Campingkocher aus dem Zelt zu holen und die erste Kanne Kaffee aufzubrühen, als der erste Besucher an unseren Zeltplatz tritt. Ein freundliches junges Mädchen mit heißem Kaffee für 2,00 Euro die Tasse und blendender Laune im Gepäck. Nachdem wir drei es schaffen, dass sie ihre Stimme drosselt, führen wir das Verkaufgespräch (Schwarz? Mit Milch? Zucker?) flüsternd fort und erstehen uns zum Start in den Tag jeder einen halbwegs heißen Becher Kaffee. Im Vergleich zur Plörre, die es letztes Jahr beim Supermarkt auf dem Zeltplatz gegeben hat, schmeckt dieses Heißgetränk ausgesprochen gut und die zwei Euro pro Becher sind gut investiert. Da es aber nicht an unser selbstgefiltertes schwarzes Gold der Frühe heranreicht und wir damit rechnen, das auch die anderen bald aus Ihren Zelten krabbeln (sieben von uns sind Kaffeetrinker oder gar Kaffeesuchtis) entschließen wir uns das weitere Frühstück inklusive Kaffee kostengünstig selber vorzubereiten.

Der Campingtisch erweist sich als sehr lohnenswertes Mitbringsel. Nach und nach kraxeln alle aus den Zelten und schließlich sitzen wir zu neunt unter dem Pavillon und reichen uns gegenseitig Brot, Salami, Nutella, Senf, Kaffee und Salat (Salat bezeichnet hierbei eine Wasserflasche die mit Magnesium- , Calcium- und Multivitaminbrausetablettem angereichert ist und einem am Morgen die nötige Energie und verlorengegangene Elektrolyte zurückgibt). Da die Wasserstelle diesmal so nah ist, entschließen wir uns einer nach dem anderen die noch relativ leeren Duschen aufzusuchen und uns auch äußerlich bei starkem Sonnenschein und Temperaturen jenseits der 20° Celsius eine wohlverdiente Erfrischung zu gönnen. Für mich ist dies eine Premiere. Zum ersten Mal auf einem Festival eine Dusche zu benutzen, ist in Hinblick auf die Schwitzorgie des superheißen Donnerstags und dem gestrigen Konzerttag wahrlich eine Wohltat. Es bietet aber auch den leicht bitteren Beigeschmack, sich wirklich ein bischen alt zu fühlen.

12:00 – 12:30  Revolving Door – Beck’s Gewinnerband (noch nie live gesehn)
Eine der wenigen Bands, die mich wirklich absolut nicht interessieren und zu denen ich dementsprechend auch nicht viel zu sagen habe. Da meine Magenprobleme vom Vortag beendet sind, noch einiges an in der Nacht abgekühltem Bier vorhanden ist und der morgige Tag für die Autofahrer unter uns wieder alkoholfrei ablaufen wird, beschließe ich den Vormittag / Mittag zu nutzen, um die geringe Alkoholmenge vom Vortag zu kompensieren.

12:50 – 13:25  Everlaunch (noch nie live gesehn)
Die eigentlich vorgesehenen Ill Scarlett wären mit Sicherheit eine Band, für die man auch um die Mittagszeit das Festivalgelände hätte aufsuchen können, um sich einen flotten und erfrischenden Start zu gönnen. Mit dem kurzfristig eingesprungenen Ersatz Everlaunch können wir alle jedoch nichts anfangen, so dass wir einfach unser Frühstück gemütlich ausdehnen. Der mitgebrachte Biertrichter (Ein zuverlässiger Begleiter bei sehr vielen Festivals, Marke Eigenbau) sorgt dafür, dass auch leicht warmes Bier nicht in der Dose schal wird, sondern auf einfachstem Wege im Körper landet. Eine von einer anderen Gruppe selbstgemachte 10-Meter-Rutschbahn aus einer mit Seife, Spülmittel und Wasser überzogenen Plastikplane auf der Landebahn nebenan (später im Quergang gegenüber) liefert genug Eindrücke, um sich faul zuschauend königlich zu amüsieren.

13:50 – 14:25  Callejon (noch nie live gesehn)
Bei Callejon schlägt die Faulheit zu. Mit dem Wissen, dass man die darauffolgende Band auf jeden Fall aufsuchen will und dass es auf dem Gelände vor der Bühne um diese Uhrzeit kaum ein schattiges Plätzchen gibt, vertrödeln wir die Zeit weiter bequem in den mitgebrachten Stühlen hockend, sonnen- oder wahlweise schattenanbetend auf unserem Lagerplatz zwischen den Zelten. Einige machen aus dem Frühstück ein Mittagessen und die ersten traditionell auf keinem Rockfestival fehlenden Raviolidosen werden zubereitet. Danach raffen wir uns immerhin auf, Besteck und Geschirr an der Wasserstelle zu spülen und uns zur Abkühlung ein Rutsche Wasser über den Kopf und die Arme laufen zu lassen (Tipp: An heißen Tagen ist ein nasses T-Shirt weitaus kühlender als mit freiem Oberkörper in der Sonne rumzuwandern).

Nachdem die nötigen Vorbereitungen getroffen sind, gehts zu dritt Richtung Bühne.

14:55 – 15:40  Rival Schools (Backstage gesehen 15.03.02 im Underground, Köln | Support: Hundred Reasons)
Da um die Uhrzeit nur vereinzelt Leute unterwegs sind, muss man bei den Securitys nicht lange anstehen. Auch ein Besuch des LM-Zeltes ist lohnenswert, denn dort gibt es nach Ausfüllen einer Gewinnspielkarte nette Goodies zum mitnehmen (Dieses Jahr ein Shirt, bei dem man aus mehreren erstaunlich guten Motiven wählen kann, eine praktische Gürtel- / Umhängetasche oder ein massives Klickfeuerzeug inklusive Lanyard). Leider werden im Laufe des andauernden Festivals die Kontrollen dort besser, so dass man nicht mehrfach unter Angabe von Phantasienamen die gleichen Goodies mitnehmen kann. Da zu der Uhrzeit Schatten auf dem Gelände rar ist, machen wir drei uns auf in die zweite Reihe vor die Bühne, um den sonnenbrandverursachenden (bei den acht anderen zumindest) Strahlen zu entfliehen.

Rival Schools haben gute Laune und spielen ein unaufregendes aber feines kurzes Set. Da aber anscheinend nur ganz wenige Leute die Band und ihre Songs kennt und zu schätzen weiß, kommt selbst vor der Bühne nur schleppend Stimmung auf. Dennoch ist es schon bemerkenswert, wie wandelbar dieser Walter Schreifels ist, der als Gitarrist von den Gorilla Biscuits und als Frontmann von Quicksand und CIV schon seit Jahren Vorreiter für so viele gute andere Musiker und Bands gewesen ist.
Die Clubshow 2002 vor 200-300 eingefleischten Fans ist natürlich um einiges intensiver und auch rockiger gewesen, dennoch bin ich froh, mich aufgerafft zu haben, um sie auf dieser übergroß wirkenden Bühne noch einmal live zu sehen.

Nach dem Auftritt füllt sich das Halbrund vorne langsam mit immer mehr Broiler-Fans und wir treten zu dritt wieder den Heimweg an.

16:10 – 16:55  Broilers (noch nie live gesehn)
Da zwei unserer Gruppe die Broilers als Vorgruppe der Dropkick Murphys bereits live erlebt und für grottenschlecht befunden haben, ziehen wir es hier vor, noch eine Pause ein- und Futter und Bier nachzulegen. Trotz der teilweise recht interessanten Tönen, die von der Bühne zum Zeltplatz rüberwehen, bereuen wir unseren Entschluss nicht und nutzen die Zeit, noch ein paar gekühlte Getränke, Essensvorräte und Klamotten vom Parkareal Richtung Zeltplatz zu holen.

17:25 – 18:15  The Get Up Kids (noch nie live gesehn, wenn ich mich nicht irre)
Lang ist’s her. Man kann die Zeit vor und kurz nach dem Millenium mittlerweile schon mit ‚damals‘ titulieren. Damals, als der Begriff Emo noch keine Konnotationen mit suizidal, oder einem seltsamen Look für Klamotten und Styling zu tun gehabt hat. Damals, als man unter Emo einen rockigen melodiösen Musikstil beschrieben hat, der seine Wurzeln im aggressiven Hardcore gehabt hat. Damals als die Urväter dieser Musik Samiam und die Speerspitzen Jimmy Eat World und eben jene, dort auf der Bühne agierenden, wiedervereinten Get Up Kids gewesen sind. Zu dritt machen wir noch einmal einen Streifzug an dem sehr winzig gehaltenen Merchandisebereich vorbei, Erstehen uns zum Schnäppchenpreis von 10,00 Euro 3 Shirts guter Qualität unserer Wahl aus der Restekiste. Danach hocken wir uns gemütlich ins Gras. Es findet sich noch ein Mädel unserer Gruppe ein und zu viert liegen wir alle Viere von uns streckend im Gras in der Nähe des Towers und genießen die zeitlosen Songs der alten Herren auf der Bühne.

18:45 – 19:45  Thursday (noch nie live gesehn)

Wir verlagern unseren Standpunkt von der rechten auf die linke Seite des Towers in etwa auf die gleiche Position, von der wir auch die Deftones genossen haben nur mit dem Unterschied, dass heute kaum Gedränge herrscht und bis auf den Bereich direkt vor der Bühne überall sehr viel Platz zwischen den einzelnen Zuschauern ist. Die Spannung ist schon recht groß, welche Songs Thursday live spielen werden und vor allem, ob die Band nicht nur songtechnisch sondern auch von der Art der Liveperformace eher so klingen werden, wie auf ihrem brachialen Debutalbum oder eher hinterlistig agressiv mit vielen ruhigeren und melodiösen Momenten, wie bei ihrem neuesten Output. Die erste Überraschung folgt nach dem Intro. Da Thursday zusammen mit den herausragenden Poison The Well die Herbsttour für Rise Against begleiten, revangiert sich Tim McIlrath, der Frontmann von Rise Against, indem er beim ersten Thursday-Song nach dem Intro auf der Bühne steht und die Schreiparts übernimmt. Beim Rest des Sets wieder auf sich alleine gestellt, rocken Thursday durch ihr Programm. Trotz viel Bewegung und Hingabe auf der Bühne, sehr gut abgestimmten Musikern und abwechslungreichem Gesang, will der Funke bei mir nicht komplett überspringen. Ich denke aber, dass der gleiche Auftritt in einem kleinen Club eine fulminate Wirkung haben wird. Daher kann ich jedem, dem es möglich ist, nur raten, sich ein Ticket für die Herbstshows zu sichern.

20:15 – 21:15  Eagles of Death Metal (noch nie live gesehn)

Die Eagles sind eine der zwei Bands, bei denen die Vorfreude auf den Liveauftritt wirklich groß ist. Dass ihre rockigen und bluesigen Songs grandios sind, sollte jedem klar sein, der eines ihrer Alben gehört hat. Wer das noch nicht getan hat, sollte dies dringend nachholen. Anscheiend ist es beim Area4-Publikum aber noch nicht angekommen, was sie in der folgenden Stunde erwartet, eventuell sind auch viele Besucher vom irreführenden Namen abgeschreckt. Mir kann es recht sein, denn zum ersten Mal bei diesem Festival ist mein Bedürfnis die Band im Staub und Gedränge aus den ersten Reihen zu sehen größer als der Wunsch die Liveperformance etwas distanziert zum Moshpit in Ruhe zu beobachten. Nach anfänglichen Abstimmungsschwierigkeiten legen die Mannen Jesse „The Devil“ Hughes ordentlich los. Eine Setlist und Show, die mit Death Metal absolut gar nichts zu tun hat, sondern das Motto ‚Rock ’n Roll at it’s best‘ zelebriert, inklusive Sprechchören vor der Bühne (Eagles, Eagles, Eagles…). Der Frontmann genießt es offensichtlich vor einem solchen großen Publikum zu agieren und bietet dann die klischeehaften aber durchaus angebrachten Ansagespielchen (All the ladies say uhhh…. all the boys say whoaaa…). Vor der Bühne ist soviel Platz, dass man in Ruhe selbst die wildesten an Twist erinnernde Verrenkungen aufführen kann. Der aufgewirbelte Staub nimmt einem die Luft zum Atmen und legt sich wie ein Schleier über die Augen und zum ersten Mal an diesem Wochenend wünscht man sich einen ordentlichen Regenschauer.

[Einschub: Der Moshpit.
Man mag von Pogo und Moshpit halten was man will aber ich habe mich nach anfänglichen Bedenken immer im vorderen Bereich bei Konzerten am wohlsten gefühlt. Sei es bei Metalbands à la Fear Factory oder Prong oder bei Punkbands wie den Ramones oder NOFX. Als etwas kleinerer Konzertbesucher kann man hier nach Herzenslust rumspringen und somit immerhin genug von der Bühne und den dort agierenden Künstlern sehen.
Des weiteren habe ich es bisher immer so erlebt, dass – egal wie hart die Bandagen waren, mit denen sich die Leute dort Platz zum Tanzen geschafft haben – vor der Bühne immer sehr rücksichtsvolle Menschen unterwegs sind, die einem sofort auf die Beine helfen, wenn man sich mal langmacht oder auch im größten Gedränge einen Kreis freihalten, wenn jemand sich die Schuhe zubinden muss oder nach einem verlorenen Wertgegenstand Ausschau halten muss.
Im Laufe der von mir besuchten Konzerte hab ich gelernt, dass man da vorne aber auch so einiges a Ellbogen, Knien, Schubsern, Remplern und Knüffen einstecken muss, diese aber auch genauso bedenkenlos austeilen kann. Ab und an gibt es dann für die hüpfende Meute von den Musikern Vorgaben, was sie von ihren Zuschauern gerne sehen wollen, beispielsweise das berühmte auf- und abspringen auf Zuruf oder aber die etwas ausgefeilteren Bewegungsabläufe eines Circle Pit oder einer Wall of Death.]

Das führt uns dann wieder zurück zu den Eagles of Death Metal auf dem Area4 2009. Das Pogo ist mehr ein lustiges Herumhüpfen mit leichtem Touchieren der Schultern und alle fünf Minuten versuchen die Kids irgendwelche abgesprochenen Aktionen à la Circle Pit und Wall Of Death aufzuführen. Ich komme mir zwischenzeitlich vor wie beim Bund, wo sich auch keiner ohne vorgegebens Kommando bewegt und begleitet von den rockigen Klängen der Band grinse ich wie ein Honigkuchenpferd über die ach so rebellische, gefährliche und gewaltbereite Jugend (Nach einem weiteren lustigen Herumlaufen gegen den Uhrzeigersinn, welches einen Circle Pit darstellen soll, schlage ich einigen als Scherz lapidar vor, doch einmal die Richtung zu wechseln, nur um daraufhin lautlachend zu beobachten, wie der heldenhafte Mob nun im Uhrzeigersinn durch den Staub kreiselt). Der Vorteil dieser Kreiselaktionen ist, dass die umstehenden Leute der kleinen Horde in der Mitte unglaublich viel Platz lassen und ich somit auch sehr viel Raum habe zu tanzen, springen und um die rockige knappe Stunde auf der Bühne gebührend auszukosten.

Nach diesem famosen Konzerterlebnis treiben mich aber Staub, Schweiß, einsetzende Kälte, Heiserkeit und Durst aufgrund einigen Tonnen an Staub in den Atemwegen zurück zu unserem Zeltplatz.

21:45 – 23:00  AFI (noch nie live gesehn)

Eine der Bands, mit denen ich mich im Vorfeld des Wochenendes mehrfach auseinandergesetzt habe aber trotz mehrmaligem Hören ihrer Longplayer bin ich nicht wirklich warm mit Sound, Stimme und den einzelnen Alben geworden. Da Rise Against die zweite Must-See-Band des diesjährigen Area4 noch zu späterer Stunden spielen werden, nutzen wir alle die Zeit, noch einmal etwas warmes in den Magen (Merke: scharfe asiatische Nudelsuppen, wärmen nicht nur den Bauch, sondern befreien auch bei starkem Staub die Atemwege nachhaltig) und etwas kaltes für die Leber zu uns zu nehmen.

23:30 – 01:00  Rise Against  (noch nie live gesehn)

Der Headliner des zweiten Tages steht an. Unsere Gruppe ist verstreut, da einige schon vorher losgezogen sind, um doch noch ein paar Töne von AFI zu hören oder um noch ein paar Devotialien zu erstehen. Andere bleiben noch ein wenig im Zelt und wollen nachkommen. Zu zweit machen wir uns auf und schauen uns bei niedrigen Außentemperaturen den gesamten Auftritt vom Rand stehend genau an. Um es kurz zu fassen. Es ist gut. Wirklich gut. Die Musiker haben Laune und vor allem der Gitarrist der Band agiert wie ein Flummi auf der Bühne und läuft sicherlich einige Kilometer während des gesamten Gigs. Die Songs kommen rockig und auf den Punkt gespielt aus der mächtigen Anlage, der Sound ist sehr gut und von außen sieht man, dass die Leute bis hin zum Soundtower mitspringen und mitfeiern. Überhaupt ist das Gelände sehr voll (Generell bekommt man jedesmal an diesem Wochenende einen Schock, wenn man über die Videoleinwand die Perspektive von der Bühne über die Zuschauermassen bis zum Eingang des Konzertgeländes sieht und weiß, dass man gerade selber mitten unter diesen ganzen Leuten steht). Ziemlich in der Mitte des Sets gibt es einen Ruhepol, als der Frontmann zwei Nummern mit der Akkustikgitarre zum besten gibt. Ich bin sehr fasziniert, dass er nicht nur sehr laut singen, energetisch schreien, sondern auch mit toller Stimme melodiös einen Song vortragen kann.

Insgesamt bin ich froh, Rise Against live erleben zu dürfen, jedoch finde ich, dass es zwischen dieser bei aller Spielfreude schon fast routiniert wirkenden Liveshow und den Alben kaum einen Unterschied gibt. Auf die Dauer von fast 75 Minuten fehlen mir persönlich auch ein paar Abwechslungen in Rhythmik, Sound und Dynamik, welche die von mir geliebten Livebands von den guten Bands (Zu denen Rise Against zweifelsfrei zählen) unterscheidet.

Feierabend. Denkste! Noch an unserm ausgemachten Punkt treffen wir ein paar der anderen Leute unserer Truppe, welche noch das Partyzelt unsicher machen wollen. Wir wollen noch einmal kurz zum Zelt, ein Bierchen trinken und verbleiben, dass wir später hinterherkommen. Die paar entspannenden Minuten auf dem Zeltplatz tun gut, um die ganzen erlebten Auftritte des Tages ein wenig sacken zu lassen und zu verarbeiten. Nachdem sich dann Teile in ihr Zelt verabschieden, beschließen wir zu zweit die anderen im Partyzelt aufzusuchen.

Vor dem Eingangsbereich ist auch um 02:00 Uhr eine ganze Menge los. Aus dem Party- / Rockzelt klingt Rage Against The Machine, während ein kurzer Blick auf den Techno-Discohangar eine gähnende Leere offenbart. Die Securitys beschließen aber aufgrund des proppevollen Zeltes, nur dann Leute durch den schmalen Einlass hereinzulasssen, wenn andere Besucher die Absperrung Richtung Zeltplatz überqueren. Immer mehr Leute drängeln von hinten nach, obwohl es vorne nicht weitergeht. Ich fühle mich zum ersten Mal an diesem Wochenende ein wenig mulmig aufgrund der Beengtheit for dem Einlass. Als im Zelt dann der Song ‚Zehn‘ von Farin Urlaub laut hörbar gespielt wird, beginnen einige auch vor der Absperrung mit springen. Bevor jedoch die ersten klaustrophobischen Anfälle auftreten, erbarmen sich die Securitys ein wenig und wir beide sind im Einlassbereich.

Hier muss ich die Veranstalter vom Area4 mehrfach kritisieren und fragen:

  • Warum wird auf einem Rockfestival ein Technobereich für die Afterparty eingerichtet? Wäre dies ein weitere Rockbereich, würden sich die Leute besser verteilen und es käme nicht zu einem solchen Gedränge wie am Samstag Abend nach den Liveshows (An den zwei Abenden, wo ich zugegen war, hab ich im Technoareal selten mehr als einen handvoll Leute rumhüpfen sehn).
  • Wie kann man in einer ersichtlichen Gefahrensituation (starkes Gedränge vor der Absperrung) darauf beharren, keine Leute einzulassen und zu riskieren, dass Besucher hier unter die Räder geraten (In dem Bereich wo wir stehen, als es eng wird, ist die Möglichkeit, zur Seite oder gar nach hinten auszuweichen nicht mehr gegeben)?
  • Wie kann man dann noch geistig so im Dreck kriechen so sturdoof sein, die fast eingequetschten Leute, die man reingelassen hat noch durchsuchen zu wollen, anstatt sich um die anderen noch vor der Absperrung eingepferchten Menschen zu kümmern?

Als wir dann endlich im rammelvollen Zelt sind und die Rest unserer Gruppe finden, beschließen wir den Rest des Abends die aufgestaute Wut über dieses Fehlverhalten der Securitys mit hüpfen, tanzen und trinken auf engstem Raum zu verbringen. Nassgeschwitzt geht es dann gemütlich zurück zum Zeltplatz und gegen 04:30 neigt sich auch der Samstag seinem Ende zu und lässt uns allen nur noch einen Tag vom Area4 2009 übrig.

Im noch ausetehenden letzten Teil des Berichts gibt es dann die größte Enttäuschung und die größte Überraschung des Festivals.

ein den vorletzten Teil des Berichts mit ’stay tuned‘ beendender Ausserirdischer

Area4 2009 – Ein Festivalbericht in vier Teilen – Teil 2 (Eintrag XII)

Posted in Livemusik, Musik with tags , , , , , , , , , , , , , on 27. August 2009 by Shumway

Nach dem Donnerstag, der noch ganz ohne Musik ausgekommen ist, widmen wir uns nun dem ersten Konzerttag des diesjährigen Area4-Festivals. (Hier gibt es eine Übersicht über das gesamte Lineup 2009). Wie auf jedem Festival muss man sich die Bands einteilen, welche man sehen möchte, da es aus verschiedenen Gründen (Hitze, Kälte, Hunger, Durst, Regen, Müdigkeit, Lust auf Party oder Chillen auf dem Zeltplatz, etc.) kaum möglich ist, die komplette Zeit vor der Bühne zu verbringen. Das Area4 hat gegenüber allen größeren Festivals dieses Jahr den Vorteil, dass es lediglich eine Bühne gibt. Somit hat man zum einen zwischen den Bands genug Pausen, um sich um die eigenen Bedürfnisse zu kümmern und zum anderen gibt es kein böses Erwachen hinsichtlich des Timetable (Es gibt kaum etwas grausameres, als wenn man sich eine teure Festivalkarte besorgt und dann mit Veröffentlichung des Timetable feststellt, dass von dem Dutzend Bands, die einen wirklich interessieren, die Hälfte zeitgleich auf zwei oder gar drei Bühnen verteilt auftritt).

Sicherlich macht es Spaß in einer größeren Gruppe auf dem Zeltplatz rumzulungern, bei gutem Wetter Blödsinn zu machen, sich ordentlich zu besaufen oder nach Ende des Konzerttages das Partyzelt unsicher zu machen aber generell ist die Livemusik der entscheidende Aspekt, weswegen ich ein Festival besuche. Leute, die zu bedröhnt, zu besoffen oder einfach nur zu faul sind, sich einige der Bands anzusehen oder solche, die nur wegen ein / zwei Headlinern ein Festivalticket erstehen, sind mir persönlich ein wenig suspekt. Daher ist der Freitag nun der erste interessante Tag, der mit Deftones schon einen der mit Spannung erwarteten Auftritte des Festivals für mich bereithält.

Aber von vorne.

07:00 Uhr Weckkommando Dixieleerung. Ne Menge Krach am frühen Morgen, der aber dafür sorgt, dass man schon kurz nach Sonnenaufgang gefahrlos auf einer Festivaltoilette sein Geschäft verrichten kann. Nach so einer Reinigung sind die Dixieklos auch sauberer als die zur Verfügung stehenden Wassertoiletten, für die man, egal zu welcher Uhrzeit, vor allem als weiblicher Festivalbesucher längere Zeit mit Anstehen in Kauf nehmen muss. Einige Mädels aus unserer Gruppe vermissen bei den Dixies noch den Kaugummigeruch des im letzten Jahr verwendeten Desinfektionsmittels aber generell sind wir alle recht schmerzfrei, was die Benutzung der blauen Häuschen angeht (Es ist erstaunlich, wie man sich für ein paar Tage mit den geringsten hygienischen Gegebenheiten arrangieren und zufrieden geben kann).

So früh geweckt zu werden klingt brutal, jedoch scheint die Sonne eh schon ab 09:00 Uhr mit ziemlicher Wucht vom Himmel, so dass es sich empfiehlt, nicht allzu viel Zeit im Zelt zu verbringen. Es ist der Moment für den ersten Einsatz unseres Campingkochers gekommen. Dieses Köfferchen ist weitaus praktischer als die kleinen blauen Kartuschen, da er nicht umfallen kann und man ohne Wasserwaage auch größere Töpfe darauf platzieren kann. Somit ist auch bald der erste frisch gebrühte Kaffee des Wochenendes fertig. Danach noch ein paar Fertigpfannkuchen in der Pfanne und fertig ist das dekadente Festivalfrühstück. (Wichtig: Wer den Pfannkuchenteig nicht richtig schüttelt und nachher die etwas grobkörnige Masse verzehrt, muss – wie ich selber den Freitag über erfahren muss – mit gärenden Magenproblemen für den Rest des Tages rechnen).

Schließlich schaffen wir es auch mit Hilfe der Nachbarn vom Weg gegenüber unseren Pavillon aufzubauen. Die leicht lädierten Stangen werden mit Gaffatape umwickelt und schon hält der Billigpavillon besser als die ganzen teuren Modelle (Merke: Gaffa hält die Welt zusammen).

Nun heißt es faulenzend in den Tag kommen und auf die noch fehlenden vier Leute unserer Gruppe warten. Die ersten beiden kommen Freitag gegen Mittag an, stehen zwar einige Meter weg vom Haupteingang aber immerhin noch auf ‚unserem‘ Parkplatz 1. Nach ein wenig Schlepperei sind alle ihre Sachen bei uns ‚zu Hause‘. Da die beiden sowohl einen Campingtisch als auch ein gut gekühltes 5l-Fässchen mitgebracht haben, wird es nun wirklich gemütlich unter dem Pavillon und man verbringt die Zeit mit Quasseln und wartet auf das noch fehlende Pärchen.

14:45 – 15:15 CJ Ramone (noch nie live gesehen)

Wenn man es nach einem anstrengenden Donnerstag schaffen würde, sich freitags zum Festivalgelände aufzumachen, um die allererste Band des diesjährigen Area4 zu begrüßen, würde man das mit Sicherheit nicht bereuen. Alleine das, was akkustisch von der Bühne bis zum Zeltplatz vordringt, gefällt mir vom obligatorischen und hier angebrachten und passenden Intro ‚Blitzkrieg Bop‘ (Andere Bands an diesem Tag sind weniger schlau bei ihrer Introauswahl) bis zum letzten Song sehr gut. Da ich selber die Ramones noch mit Joey am Mikro habe live erleben können, habe ich ein etwas gespaltenes Verhältnis zu einer Coverband, aber wenn es eine sinnige Art gibt, die Kultsongs der Ramones live weiter einem Publikum vorzuführen, dann auf diese Art. Wer also die Chance hat, CJ Ramone – der ja wirklich von ’89-’96 bei Ramones Bass gespielt hat – live sehen zu können und nichts besseres vorhat, sollte diese nutzen.

15:40 – 16:15 Zebrahead (noch nie live gesehen)

Zu Zebrahead habe ich im Vorfeld viel lobenswertes gehört aber auch hier ist der Donnerstag, das Magengrummeln und die sich kurz vor dem Parkplatz befindenden Reste unser neunköpfigen Truppe Grund genug, sich noch nicht zum Gelände aufzumachen. Unter anderen Umständen, würde ich wohl gerne sehen, wie gut sie als Liveband agieren.

16:40 – 17:15 Turbostaat (noch nie live gesehen)

Nicht ganz mein Ding, daher steht noch weiter chillen am Zeltplatz au dem Plan. Der Pavillon macht sich bei knallend heißer Sonne wirklich bezahlt. Für die musikalische Untermalung sorgt ein Funmix der Nachbarn gegenüber, der in Dauerrotation sowohl ihren als auch unseren Lageplatz beschallt (besonders die Rülpsversion des Biene Maja-Songs sorgt auch bei uns (noch) für ein breites Grinsen). Dann wird’s aber Zeit, denn die erste Band aus der Kategorie „möchte ich gerne (noch) einmal live in Aktion sehen“ steht auf dem Programm, also geht es zu zweit zum ersten Mal an diesem Wochenende Richtung Konzertgelände.

17:45 – 18:25 Mad Caddies (vor ein paar Jährchen mal entweder zusammen mit den Mighty Mighty Bosstones oder auf einem Festival gesehen)

Wegen der unsinnigen Prozedur des Securitypersonals, beim Einlass auf das Gelände separate Einlässe für Jungens und Mädels freizugeben, gibt es noch ein paar Minuten Warterei. Der abschließende Sicherheitscheck ist dafür recht fix.  Diese Einlasshantiererei wird für den Rest des Festivals jedesmal unterschiedlich geregelt und auch die Kontrollen reichen von lapidarem Durchwinken bis hin zum peniblen Kontrollieren sämtlicher Mitbringsel inklusive der Pappschachtel mit den Zigarettenfilter. Dann ist es aber endlich geschafft, wir sind auf dem Konzertgelände.

Erste ungefilterte Eindrücke beim und kurz nach dem Betreten:

  • Verdammt ist das riesig geworden hier.
  • Vor zwei Jahren, war das weniger als halb so groß.
  • Letztes Jahr gab es viel mehr Merchandise-Stände.
  • Warum ist nach links soooo viel Platz, hätte man den nicht besser als Zeltplatz nutzen können?
  • Ah … da vorne ist der Wellenbrecher.
  • Wow, doch nicht schlecht, dass sie dieses Jahr Videoleinwände neben den Boxentürmen angebracht haben (Eigentlich sind das mittlerweile nur noch recht wenige aber wahnsinnig leistungsstarke Boxen, die hängend befestigt und nicht vom Boden aufgeschichtet sind).
  • Die Anlage ist aber jetzt schon sehr laut, man kann sich ja hier auf dem Gelände kaum unterhalten.
  • Das LM-Zelt scheint das Gleiche zu sein wie letztes Jahr, steht nur auf der anderen Seite.
  • Ein HotDog für 4,50 Euro? War das auch nich viel günstiger letztes Mal?

Zu diesen ganzen Impressionen gibt es strahlenden Sonnenschein, abfallende Müdigkeit, steigende Begeisterung wieder hier zu sein und die passende Ska-Punk-Pop-Live-Untermalung der routinierten Mad Caddies, welche die Bühne inklusive Bläsercombo schon ordentlich füllen. Erstaunlich sind die vielen junge Leute bei den alten Hasen da vorne im Halbrund aber Qualität setzt sich anscheinend durch. Ein später aber passender Einstieg fürs diesjährige Area4. Wir gehen erst einmal zufrieden wieder zurück zu unserem Platz.

Die letzten beiden unserer Sippschaft sind inzwischen angekommen, da allerdings der Parkplatz schon voll ist, werden sie auf dem weiter entfernten Parkplatz 2 untergebracht. Meines Wissens hat es die Jahre davor noch nicht mehrere Areale gegeben, die zum Parkplatz umfunktioniert sind. Scheint dieses Jahr dann doch alles ein wenig größer und unübersichtlicher zu sein. Mit Hilfe der anderen schaffen sie es aber, das gesamte Gepäck in einem langen Fußmarsch bis zu unserem Zeltplatz zu bringen.

18:55 – 19:45 Jet (noch nie live gesehn)

Die könnte man sich eventuell anschauen, ist uns beiden aber zu poppig und zu sehr Teeniemusik, als dass man sich die Möglichkeit auf mitgebrachtes Grillgut und kaltes Bier unserer letzten Nachzügler auf dem Zeltplatz entgehen lassen möchte. In Anbetracht der Tatsache, dass danach für alle die ersten Highlights des Festivals folgten (alle wollten Deftones & The Offspring sehen und die Mehrheit von uns freut sich, (zum ersten Mal) die Hosen live zu sehn) auch noch eine gute Möglichkeit, sich für den Abend vorzubereiten (festes Schuhwerk, warme Klamotten für die Zeit nach Sonnenuntergang, Nahrungs- und Bieraufnahme).

20:15 – 21:15 Deftones (gesehen 11. März 2001 | Support: Linkin Park & Taproot)

Alle neun schaffen es, sich rechtzeitig auf den Weg zu machen und man wartet gespannt, was die Deftones im langsam zur Neige gehenden Tageslicht bieten können.

Dann geht’s los. Eine Stunde Musik, Show, Emotion & Stimmung vom feinsten. Soweit vorne, dass man noch genug von der Bühne sehen und die Videoleinwände teilweise ignorieren kann. Bis auf den traditionellen Hüpf-, Spring-, Kopfwackel-Ausraster bei ‚Shove It (My Own Summer)‘, welches als zweiter Song gespielt wird, gibt es fast nur noch den Tunnelblick nach vorne auf die Band. Die Musiker (Tragische Randinfo: der eigentliche Bassist Chi Ling Dai Cheng liegt seit November 2008 im Koma und wird seither durch seinen Freund und ehemaligen Quicksand-Bassisten vertreten) sind in Spiellaune und schaffen es auch, die versierteren Takt-, Tempo und vor allem Dynamikwechsel perfekt umzusetzen. Auch wenn das Instrument beim massigen Gitarrist eher wie eine Ukulele aussieht und der (Ersatz-)Bassist aus dem Grinsen nicht mehr heraus kommt, scheinen sie kein Problem damit zu haben zusammen mit ihrem wahnsinnig talentierten Drummer allen Songs an den entscheidenden Stellen genug Druck zu verleihen. Unterstützt vom charismatischen (und wieder schlank gewordenen) Chino Moreno, dem man es ansehen kann, wie sehr ihn der Auftritt begeistert, spielen sie eine Setlist aus 12 Stücken, die keine Wünsche öffen lässt und bei einsetzender Dämmerung und dezent eingesetzter Lichttechnik mehrfach für Gänsehautmomente sorgt. Obwohl wir alle neun nahe beieinander stehen nehme ich kaum einen der anderen wahr; das vorhandene Magengrummeln aufgrund nicht richtig zubereitetem Frühstück ist vergessen und ich verschwende während des kompletten Auftritts der Deftones nicht einen einzigen Gedanken daran, mir eine der vielen Kippen des Festivalwochenendes anzustecken. Mit dem für das Festival auch im übertragenen Sinne passenden Titel ‚Back to School‘ endet um 21:15 Uhr das Highlight des Abends.

Fazit: Diesmal sind die Deftones nicht so rockig und mit Zug nach vorne wie beim Auftritt 2001 aber dafür trotz OpenAir-Auftritt um einiges dichter und atmosphärischer. Sehr geil!

21:45 – 23:00 The Offspring (Bizarre 99)

Zurück bei den anderen und mit wieder spürbarem Magengrummeln beschließe ich doch erst einmal ein stilleres Örtchen in der Umbaupause aufzusuchen. Die immer dichter werdenden Menschenmassen nahe am Soundtower lassen es aber kurz vor Beginn der Offspring-Show nicht zu, alle anderen wiederzufinden. Zu zweit und später zu dritt beschließen wir, trotz einsetzender Kälte (nachts gingen die Temperaturen dann runter in den einstelligen Bereich) Offspring am Rand stehend / sitzend via Leinwand zu schauen (Unser ausgemachter Treffpunkt für versprengte Leute ist der Cocktailstand links vom Tower).

Durch ihren Auftritt vom Bizarre Festival ’99 habe ich The Offspring noch sehr schlecht in Erinnerung, da der Sänger Dexter Holland nicht in der Lage war, die Songs mit der gewohnten Stimme (ob es Stimmprobleme oder Unlust war, ist mir nicht bekannt) abzuliefern, die einen Großteil von den ansonsten eher einfach gestrickten Rock- und Punksongs ausmacht. Daher bin ich hinsichtlich des diesjährigen Auftritts vorher eher skeptisch, jedoch dann schnell verblüfft, mit wieviel Schmackes sie ihr Set beginnen (2 meiner Lieblingssongs vom Debutalbum ‚Smash‘ direkt unter den ersten drei Songs). Zwischendrin wird es dann allerdings ein wenig befremdlich, als ein Klavier auf die Bühne gerollt wird und eine Balladenversion von ‚Gone Away‚ folgt (Sehr interessant gerade bei der Klavierversion ist die Ähnlichkeit zu Gary Jules Coverversion des Tears For Fears Klassikers ‚Mad World‚) . Auch die Pause mit Jongleur auf der Bühne wirkt für einen reinen Zuschauer etwas seltsam und das obwohl ‚Intermission‘ ein regulärer Albumtrack ist. Das einige Songs live langsamer, ruhiger als auf Platte und vom Sound und Rhythmus eher karibisch angehaucht vorgetragen werden, habe ich in dieser Form von einer Rockband auch noch nicht gesehn. Die Leute vor der Bühne werden es ihnen aber danken.

Mehr Menschen, als von mir erwartet, drängeln, hüpfen, tanzen im Bereich vor der Bühne als auch im Hauptbereich zwischen Wellenbrecher und Soundturm bis ihnen die Luft wegbleibt. Dementsprechend groß ist auch die Welle an Abwanderungen Richtung Zeltplatz nach dem Offspring-Gig, obwohl danach mit den toten Hosen der offizielle Headliner und Abschlusspunkt des ersten Tages folgen soll.

Fazit: The Offspring liedern eine sehr solide Rockshow, die überraschend gut angekommen ist (Unsere Leute, die vorne geblieben waren, berichten später von 75 Minuten Spaß mit einer spring- und pogotanzfreudigen Meute).

23:30 – 01:00 Die Toten Hosen (gesehen März 1992)

Mein allererstes Rock-Konzert sind die toten Hosen gewesen. Das ist 18 Jahre her und in meinen Augen haben die Hosen danach keine interessanten Songs mehr geschrieben und das ganz aktuelle Zeugs löst bei mir nur noch einen Würgreflex aus. Da die diesjährige Soundanlage sehr mächtig ist und der Wind (un)günstig steht, kann man zurück auf dem Zeltplatz alles hören und erhält somit noch einmal die Bestätigung, dass die Entscheidung, das Konzertgelände zu verlassen, nicht nur hinsichtlich der mittlerweile doch sehr fröstelnden Temperaturen eine weise gewesen ist: Den Parade-Introsong ‚Blitzkrieg Bop‘ der göttlichen Ramones für den eigenen Einmarsch zu nehmen grenzt in meinen Augen schon an Blasphemie. Danach folgen sehr viel Laberei von Campino, etliche Coversongs, manche schlecht (‚Hang on Sloopy‘) Manche einfach nur peinlich (‚I Fought The Law‚). Gepaart mit Campinos stetigen Bemühungen, jedem gesprochenen und gesungenen Wort soviel Rotz und Dreck wie möglich zu verleihen, ist dieser Auftritt fast noch nerviger anzuhören als das überall aus den Lautsprechern der Zeltanlagen schallende Ballermanngegröhle ‚Hey, das geht ab, wir feiern die ganze Nacht‘.

Zwischen den Songs weist uns Campino ein dutzend Male darauf hin, dass er die Gegend so toll findet, dass er mal beim Bund gewesen ist und dass das Festivalpublikum beim Area4 doch das beste der Welt sei. Mal ehrlich: Die Hosen haben schon tausende Liveauftritte absolviert, sind Lokalmatadoren in Düsseldorf, wo ihnen das Publikum fast aus der Hand frisst, und stehen nun da auf der Bühne und wollen dem Publikum ernsthaft weiß machen, dass dieser Festival Auftritt der mit Abstand beste Gig ihres Lebens ist? Ja nee is klar …

Aber es kommt noch schlimmer. Mit der schlechtesten bis dahin gehörten Ansage eines Songs (Eine 5-Minutentirade von Angela Merkel über Erziehung weiter zu Kitas und schließlich zu Randgruppen und zum Fußball) leiten die Hosen ihr Bayernlied ein. Zu dem Zeitpunkt liegt die Hälfte unsere Gruppe bereits im Zelt und nach einer letzten „Ihr seid das beste Publikum der Welt“-Tirade ist denn endlich Schluss, der erste Konzerttag zu Ende und die Ruhe und die schleichende Kälte der Nacht (Temperaturen unter 10° Grad) halten Einzug und der Freitag verschläft sich in den Samstag …

Teil 3 (der Samstag) folgt in Kürze

ein weiter Bericht erstattender Ausserirdischer

Area4 2009 – Ein Festivalbericht in vier Teilen – Teil 1 (Eintrag XI)

Posted in Livemusik, Musik with tags , , , , , , , on 26. August 2009 by Shumway

Vorabinfo:

Das Area4-Festival hat sich zwischen den großen Rockfestivals wie Rock am Ring, Hurricane, Highfield mittlerweile etabliert. Aus dem Ein-Tages-Festival in Oberhausen ist ein 3-Tages-Festival mit 20.000 Besuchern geworden ( Hier gibt es eine detaillierte Kurzinfo). Nach einem Tagesbesuch 2007 und einem tollen Konzertwochenende im letzten Jahr ist die 2009-er Ausgabe mein drittes Area4- und insgesamt mein 15. Rockfestival.

Dieses Jahr besteht unsere Gruppe aus neun Leuten (Baujahr ’76 – ’80). In den folgenden Tagesberichten möchte ich für mich noch einmal das diesjährige Erlebnis mit einem Schwerpunkt auf die einzelnen Liveauftritte festhalten ohne das notwendige Drumherum unerwähnt zu lassen.

Da ein solches Wochenende von jedem anders wahrgenommen wird, möchte ich im Vorfeld darauf hinweisen, dass dies kein vollständiger, sondern ein im Nachhinein geschriebener (Während des Festivals hatte ich weitaus besseres zu tun, als mir Notizen zu machen) subjektiver (Gerade bei den Konzertberichten gibt es mit Sicherheit genug abweichende Meinungen) Bericht zu diesem Augustwochenende sein soll.

Damit das ganze nicht zu unübersichtlich wird gibt es für jeden einzelnen Tag einen separaten Blogeintrag.

OK, genug geschwafelt, los geht’s:

Donnerstag, die Anfahrt

Die Tage vor dem Donnerstag sind schon in aller Ruhe die notwendigen Fressalien, Bier und Kleinigkeiten, die einem das Festivalleben angenehmer machen, eingekauft worden. Da unsere Gruppe, bestehend aus neun Leuten, aus beruflichen Gründen nicht alle gemeinsam losfahren können, sind auch die Zelte und der Pavillon der Nachzügler auf die fünf Donnerstagpioniere verteilt. Nach den ersten Infos soll der Campingplatz am Donnerstag um 18:00 Uhr seine Pforten öffnen. Im Forum steht später jedoch von offizieller Seite, dass man erst gegen 20:00 Uhr den Zeltplatz für die ersten Festivalhungrigen öffnen wolle. Wie haben uns geeinigt, dass 19:00 Uhr eine gute Ankunftszeit wäre. Sind die Tore bereits offen, kann man in Ruhe einen Zeltplatz suchen (im Vorjahr waren wir zu siebt und die ersten (nämlich wir) sind Freitags Mittag angekommen und konnten ein passendes Areal für alle abstecken und mit Zelten bepflanzen), und sollten sie erst gegen 20:00 Uhr öffnen, muss man am bisher heißesten Tag des Jahres (37° Celsius) nicht allzu lange warten.

Gesagt getan, nachdem der frühe Nachmittag mit dem Packen der Taschen und Beladen des Autos schweißtreibend genutzt wird, geht es Donnerstag Nachmittag dann auf Richtung Münster mit dem Ziel Flugplatz Borkenberge bei Lüdinghausen.

Die ersten unserer Gruppe kommen gegen 18:00 Uhr an und berichten voller Panik, dass kaum noch ein Zeltplatz frei wäre, da man wohl schon entgegen allen offiziellen Ankündigungen seit 15:00 Uhr Besucher hineingelassen hätte. Als wir dann das Auto parken (Dass wir es wieder wie im Vorjahr geschafft haben, keine 50 Meter weg vom Haupteingang eine Parklücke zu finden, deute ich zu dem Zeitpunkt als gutes Omen für den restlichen Verlauf des Wochenendes), hat unsere Vorhut zum Glück noch einen Platz für unsere sechs Zelte und den Pavillon gefunden und verteidigt diesen wacker bis 19:15, als wir dann zu dritt mit der ersten Gepäckladung im Schlepptau auf dem Platz eintreffen, der für die nächsten Tage unser zu Hause sein soll.

Entsetzt, dass wirklich schon Unmengen an Leuten auf dem kleinen Zeltplatz verteilt sind, stellen wir jedoch fest, dass der ausgesuchte Platz ideal gelegen ist. Nahe an der breiten Landebahn in unmittelbarer Nähe von einer Doppelreihe Dixies, die Dusch- und Trinkwasserstelle in Augenweite, den Zischstand, an dem es gekühlte Getränke für humane Preise für den Zeltplatz gibt, einen Steinwurf weit weg und ansonsten auch ziemlich mittig zwischen Parkplatz und Festivalgelände. Zusätzlich scheinen die direkten und indirekten Nachbarn recht human zu sein, so dass man nicht befürchten muss, sein Zelt nach dem Besuch des Festivalgeländes zertrampelt oder abgefackelt wieder zu finden.

Normalerweise ist nach der langen Fahrt und der ersten Schlepporgie jetzt der Zeitpunkt gekommen, sich hinzusetzen, rauchend das erste noch eiskalte Dosenbierchen zu süffeln ein wenig zu klönen und dann in aller Ruhe mit dem Aufbau der Zelte zu beginnen. Selbst die einsetzende Dunkelheit gegen 21:15 Uhr ließe uns noch genug Zeit, den Platz allmählich bewohnbar zu machen.

Aber, Pustekuchen! Gewitterwarnungen und aufkommende heftige Windböen machen den Zeltaufbau zu einer sehr stressigen Angelegenheit. Beim Blick auf die Gruppe gegenüber, deren Pavillon sich bei einer stärkeren Windhose verabschiedet, lassen wir unseren besser noch unaufgebaut und widmen unsere ganze Energie den 6 aufzustellenden Zelten. Die Tatsache, dass einige von uns es nicht geschafft haben ihr Zelt vor dem Area4 einmal probeweise aufzubauen oder sich zumindest die Anleitung durchzulesen, macht den gesamten Aufbau nicht einfacher. Jedoch gelingt es uns mit der uneigennützigen Hilfe von zwei sehr netten Teenagern (die beiden haben meinen Glauben in die Jugend wirklich entscheidend wieder verstärkt) und einer Person unserer Truppe, welche uns andere anspornt und wo es nötig ist auch einmal zurechtweist, alle Zelte aufzubauen. Begleitet von jeder Menge Flüche über die vier von uns, die erst am Freitag eintreffen und uns fünf die ganze Arbeit machen lassen schaffen wir es vor dem Einbruch der Dunkelheit auch alles wind- und wetterfest abzuspannen.

Das angekündigte Gewitter hat an dem Abend anscheinend ein Herz mit den Besuchern des Festivals und zieht zum Glück grummelnd und mit etlichen Blitzen bepackt am Zeltplatz vorbei, so dass wir uns endlich in Ruhe hinsetzen und grillen können. Nach einigen kühlen Bierchen vom Fass und aus Dosen (und den ersten Biertrichtern), knoblauchdurchzogenen Salaten und lecker Grillgut für uns und die fleißigen Helfer ist die ganze Hektik des Nachmittags vergessen. Selbst der dann doch einsetzte Regenschauer, kann die Laune nicht mehr trüben. Wir fünf begeben uns in das Vorzelt unseres größten Zeltes und quasseln ein wenig über alte Zeiten. Den Vogel des Abends schießt der Kollege aus dem hohen Norden ab, der eine in Hektik des einsetztenden Regens von mir gereichte halbvolle Bierdose gierig an den Hals setzt um dann festzustellen, dass dies die Dose gewesen ist, die eben noch als Aschenbecher gedient hat (Dass er sich noch einen zweiten vorsichtigen Schluck aus dieser Dose genehmigt, um sicher zu gehen, warum dieses Bier komisch schmeckt, lasse ich hier mal weiter unerwähnt).

Da der Freitag vom Programm her erst gegen Abend interessant zu werden scheint und wir noch allesamt trotz Hitze, Fahrerei, Schlepperei und Aufbauarbeit noch sehr in Partylaune sind, geht es nach Mitternacht zum Erkunden des Discozeltes auf dem Campinggelände (Was sich die Verantwortlichen des Area4 dabei gedacht haben, neben einem Zelt mit Rock- und Partymusik, den Hangar zu einem Technozelt umzufunktionieren, verstehe ich heute noch nicht. Mehr dazu aber noch beim Samstagbericht). Das Partyzelt ist nicht brechend voll aber ganz ordentlich gefüllt. Bier fließt zum Leidwesen einiger Geldbeutel in Strömen, es wird getanzt und gelacht. So kann das Festival weitergehen.

Gegen 04:30 machen wir fünf uns dann auf den Rückweg zum Zeltplatz. In dieser Nacht herrschen noch im Gegensatz zum Vorjahr und den folgenden Nächten noch milde Temperaturen und so finden die meisten von uns dann auch schnell den verdienten Schlaf.

Teil 2 (der Freitag) mit den ersten Livebands folgt in Kürze

ein Bericht erstattender Ausserirdischer